Es wird schon nicht so schlimm…

Neulich sagte jemand:

Es wird schon nicht so schlimm.

Ich weiß nicht, ob es einen deutscheren Satz gibt.

Vielleicht noch „Da kann man nichts machen“.

Oder „Man muss auch beide Seiten sehen“.

Sätze wie beige Wände. Sie tun niemandem weh. Sie verlangen nichts. Man kann wunderbar zwischen ihnen wohnen und später behaupten, man hätte von nichts gewusst.

Es wird schon nicht so schlimm.

Ein Satz, der vermutlich schon sehr oft gesagt wurde. In Küchen, Büros, Kneipen, an Frühstückstischen. Nicht unbedingt von unintelligenten Menschen wahrscheinlich sogar meistens von ziemlich vernünftigen.

Das ist aber das Problem.

Von heute aus sieht morgen fast immer harmlos aus.

Die Stadt ist schließlich noch dieselbe. Die Bäckerei macht um sieben auf, die Bahn kommt zu spät, jemand stellt seinen Sperrmüll vor die falsche Haustür. Man geht arbeiten, bestellt Essen, beschwert sich über das Wetter. Alles funktioniert noch gut genug, um nicht zu merken, was längst nicht mehr funktioniert.

Der Alltag hat diese beruhigende Eigenschaft, weiterzumachen, selbst wenn sich unter ihm längst etwas verschiebt.

Menschen können sich erstaunlich gut gewöhnen.

Vielleicht ist das unsere größte Begabung.

Leider.

Wir gewöhnen uns an neue Wörter für alte Gedanken. An Grenzen, die zunächst nur in Köpfen stehen. An Sätze, bei denen man vor ein paar Jahren noch kurz zusammengezuckt wäre und die heute zwischen Wetterbericht und Werbepause im Fernsehen stattfinden.

Menschen werden zu Gruppen, Gruppen zu Zahlen, Zahlen zu Problemen.

Wir gewöhnen uns daran, dass über Menschen gesprochen wird, statt mit ihnen.

Und irgendwo sitzt immer jemand, der findet, man müsse jetzt aber auch mal die andere Seite verstehen.

Ich weiß nur nicht, welche andere Seite Menschenwürde haben soll.

Wann genau wurde Hass zu einer Meinung? Wann wurde Ausgrenzung zu einer politischen Position, über die man bei einem Glas Wein ganz sachlich diskutieren kann? Und warum gilt ausgerechnet derjenige als hysterisch, der darauf hinweist, dass vielleicht nicht jede Idee dadurch respektabel wird, dass jemand sie in vollständigen Sätzen vorträgt?

Ich möchte da nicht neutral sein.

Neutralität klingt wahnsinnig erwachsen, solange niemand fragt, wem sie eigentlich nützt.

Wenn Menschen anfangen, Menschen zu sortieren, gibt es für mich nichts auszubalancieren. Nicht alles hat zwei Seiten. Manche Dinge haben eine Grenze.

Und rechts davon liegt für mich keine Alternative.

Auch kein Protest und kein rebellischer Tabubruch. Und ganz sicher kein charmantes „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“.

Nur eine ziemlich alte Idee, die sich neue Wörter gekauft hat.

Sie sagt Sicherheit, wenn sie Ausschluss meint.

Sie sagt Heimat und zählt anschließend nach, wer darin wohnen darf.

Sie sagt Familie und meint nur bestimmte.

Sie sagt Freiheit, solange du die richtige Freiheit willst.

Das Gefährliche daran ist vielleicht gerade, wie wenig gefährlich es inzwischen aussehen muss.

Es braucht keine Stiefel.

Manchmal reicht ein weißes Hemd.

Studiobeleuchtung. Ein gutes Mikrofon. Ein paar Statistiken auf einem Bildschirm.

Jemand lächelt höflich und sagt „berechtigte Sorgen“, „Realität anerkennen“, „endlich wieder aussprechen“.

Und plötzlich klingt ein bisschen weniger Menschlichkeit erstaunlich vernünftig.

Das macht die Idee nicht neuer.

Nur besser ausgeleuchtet.

Ich will nicht lernen, das auszuhalten.

Ich möchte mich nicht daran gewöhnen, dass die Sprache Stück für Stück verrutscht und wir jedes Mal unsere Stühle hinterherschieben. Ich möchte nicht irgendwann sagen: So sind die Zeiten eben.

Zeiten sind nichts, was einfach passiert.

Wir machen sie.

Mit dem, was wir wählen. Mit dem, was wir sagen. Auch mit dem, was wir durchgehen lassen, weil gerade keine Lust auf Diskussion ist oder weil der Abend eigentlich ganz nett war und man jetzt nicht schon wieder politisch werden möchte.

Vielleicht beginnt Wegsehen viel unspektakulärer, als man es sich später erzählt.

Nicht mit einer großen Entscheidung.

Vielleicht nur mit einem Schulterzucken.

Demokratie bedeutet nicht, jede Idee für gleich menschlich zu halten.

Und Toleranz bedeutet ganz sicher nicht, denen die Tür aufzuhalten, die hinter sich abschließen wollen.

Ich möchte lieber eine Welt, die kompliziert bleibt.

Laut. Verschieden. Manchmal anstrengend. Voller Menschen, die sich gegenseitig auf die Nerven gehen und trotzdem denselben Platz in ihr haben.

Eine Welt, in der niemand beweisen muss, dass sein Name, seine Liebe, seine Haut, sein Körper, sein Glaube oder seine Herkunft harmlos genug sind, um dazugehören zu dürfen.

Nennt das naiv.

Ich nehme eine naive Hoffnung jederzeit über eine vernünftige Erklärung dafür, warum manche Menschen weniger Platz bekommen sollen.

Vielleicht ist Hoffnung sowieso radikaler geworden, als sie sein dürfte.

Zu sagen: Nein, ich akzeptiere das nicht.

Nein, ich gewöhne mich nicht daran.

Nein, Menschenwürde wird nicht verhandelbarer, nur weil ihre Gegner gelernt haben, ruhiger darüber zu sprechen.

Und falls irgendwann jemand fragt, wo wir standen, als sich die Sprache veränderte, als aus Menschen Probleme wurden, als aus „nie wieder“ ganz langsam ein „wird schon nicht so schlimm“ wurde, möchte ich wenigstens nicht antworten müssen:

in der Mitte.

Zurück
Zurück

Ein paar Gedanken über Kälte

Weiter
Weiter

Ein paar Gedanken über das authentische Ich