Ein paar Gedanken über Kälte

Jedes Jahr vergesse ich, wie sich Kälte anfühlt.

Nicht, dass ich vergessen würde, dass sie existiert. Natürlich weiß ich, dass irgendwann Oktober ist und kurz danach November und dass die Sonne plötzlich so früh verschwindet, als hätte sie noch etwas anderes vor.

Ich weiß, dass Winter kommt.

Ich vergesse nur, wie persönlich er wird.

Bis der erste kalte Wind sich durch die Fasern einer Hose schleicht, die ich wieder einmal viel zu dünn ausgewählt habe, und meine Haut mich daran erinnert, dass acht Grad doch keine abstrakte Zahl ist.

Vielleicht ist das eine meiner zuverlässigsten Eigenschaften: Dinge erst ernst zu nehmen, wenn ich sie spüre.

Jedes Jahr nehme ich mir vor, endlich eine vernünftige Winterjacke zu kaufen. Eine von diesen Jacken, in denen man vermutlich niemals friert. Dick gefüttert, wasserabweisend, hoher Kragen. Eine Jacke für Menschen, die dem Winter offenbar weniger persönlich begegnen als ich.

Und jedes Jahr entscheide ich mich dagegen.

Ich hasse Winterjacken.

Dieses Eingepacktsein. Zu viel Stoff, zu viel Kragen, zu viel Schutz vor etwas, von dem ich eigentlich weiß, dass es irgendwann wieder vorbeigeht.

Vielleicht stört mich gar nicht die Jacke.

Vielleicht stört mich die Idee, mich so sehr vor etwas zu schützen, dass ich irgendwann nicht mehr merke, ob es draußen überhaupt noch kalt ist.

Menschen machen das ja ähnlich.

Wir entwickeln mit der Zeit ziemlich schlaue Methoden, unsere eigene Temperatur zu regulieren.

Wir werden vorsichtiger. Unverbindlicher. Ein bisschen weniger begeistert. Antworten später. Erwarten weniger. Sagen öfter „ist mir eigentlich egal“, wenn es uns sehr offensichtlich nicht egal ist.

Man könnte das Selbstschutz nennen.

Man könnte aber auch sagen, dass wir lernen, unsere eigenen Winterjacken zu tragen.

Und irgendwann wundern wir uns, warum uns kaum noch etwas wirklich erreicht.

Vielleicht ist Kälte überhaupt weniger eine Temperatur als eine Distanz.

Zwischen zwei Körpern.

Zwischen dem, was man sagen möchte, und dem, was man tatsächlich sagt.

Zwischen der Person, die man einmal war, und der, die man inzwischen geworden ist.

Es gibt Räume, die zwanzig Grad haben und sich trotzdem kalt anfühlen.

Menschen, neben denen man friert, obwohl ihre Hand warm ist.

Und andere, bei denen man plötzlich vergisst, dass draußen Dezember ist.

Vielleicht suchen wir deshalb unser ganzes Leben nach Wärme und nennen sie nur ständig anders.

Liebe. Zuhause. Freundschaft. Zugehörigkeit. Sicherheit.

Am Ende sind es vielleicht alles nur verschiedene Wörter für Orte, an denen wir für einen Moment aufhören, die Schultern hochzuziehen.

Ich glaube, ich bin nicht besonders gut in Kälte.

Für Hitze allerdings auch nicht.

Eigentlich bin ich für ungefähr neunzehn Grad gemacht. Leichter Wind. Sonne, aber nicht direkt. Ein Pullover, den man theoretisch ausziehen könnte.

Also für ungefähr zwölf Tage im Jahr.

Der Rest ist Improvisation.

Und vielleicht ist das überhaupt eine ziemlich gute Beschreibung für das Leben.

Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, Bedingungen zu suchen, unter denen wir endlich richtig funktionieren. Die richtige Stadt. Der richtige Mensch. Der richtige Job. Die richtige Version von uns selbst.

Als gäbe es irgendwo diesen perfekt temperierten Raum, in dem wir weder frieren noch schwitzen, weder zu viel fühlen noch zu wenig.

Vielleicht gibt es den nicht.

Vielleicht verändert sich unsere Wohlfühltemperatur sowieso ständig.

Was uns früher gewärmt hat, reicht irgendwann nicht mehr. Was einmal unerträglich kalt war, fühlt sich plötzlich nur noch frisch an.

Man gewöhnt sich an erstaunlich vieles.

Das ist beruhigend.

Und ein bisschen traurig.

Denn ich weiß nicht, ob Abhärtung immer etwas Gutes ist.

Vielleicht sollte man nicht stolz darauf sein, nichts mehr zu spüren, nur weil man lange genug gefroren hat.

Vielleicht geht es gar nicht darum, irgendwann unempfindlich gegen die Kälte zu werden.

Vielleicht geht es eher darum, herauszufinden, wann man eine Jacke braucht.

Wann man jemanden näher an sich heranlässt.

Und wann man lieber ein bisschen friert, als sich so dick einzupacken, dass nichts mehr durchkommt.

Das klingt romantischer, als es gemeint ist.

Und wahrscheinlich denke ich anders darüber, sobald es Minusgrade hat.

Aber bis dahin trage ich meine zu dünne Hose, ziehe die Schultern hoch und laufe ein bisschen schneller.

Wie jedes Jahr.

In dem Wissen, dass manche Kälte vorbeigeht.

Und dass man für andere lernen muss, sich selbst warmzuhalten.

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Es wird schon nicht so schlimm…