Ein paar Gedanken über das authentische Ich

Es gibt diesen seltsamen Moment, in dem man sich fragt, ob man s(ich) eigentlich selbst ausgesucht hat.

Nicht den Namen.

Nicht die Eltern.

Nicht die Stadt.

Sondern alles, was danach kam.

Den Geschmack.

Die Träume.

Die Art zu lachen.

Die Dinge, auf die man stolz ist.

Und sogar die Dinge, für die man sich schämt.

Man spricht oft davon, sich selbst zu finden. Als gäbe es irgendwo in uns einen unveränderlichen Kern, der geduldig darauf wartet, endlich entdeckt zu werden. Eine Version von uns, die schon immer da war. Unberührt. Wahr. Authentisch.

Aber was, wenn dieses Ich gar kein Ort ist?

Was, wenn es vielmehr eine Geschichte ist, die wir uns so oft erzählt haben, bis sie sich wie Wahrheit anfühlt?

Wir unterschätzen, wie leise die Welt mit uns spricht.

Sie schreit selten.

Sie flüstert.

Sie flüstert, was schön ist.

Was Erfolg bedeutet.

Welche Körper bewundert werden.

Welche Wohnungen nach einem gelungenen Leben aussehen.

Welche Berufe Respekt verdienen.

Welche Unsicherheiten man lieber versteckt.

Irgendwann hören wir diese Stimmen so lange, bis wir vergessen, dass sie einmal von außen kamen.

Und genau das macht sie so überzeugend.

Vielleicht besteht Freiheit nicht darin, sich von jedem Einfluss zu lösen. Das wäre ohnehin unmöglich. Jeder Mensch ist das Ergebnis unzähliger Begegnungen, Bücher, Blicke und Zufälle.

Die spannendere Frage lautet vielleicht:

Welche Teile von mir habe ich übernommen, ohne jemals darüber zu verhandeln?

Es gibt Wünsche, die sich anfühlen wie Heimweh.

Und dann gibt es Wünsche, die sich nur deshalb vertraut anfühlen, weil wir sie tausendmal gesehen haben.

Man verwechselt Wiederholung erstaunlich leicht mit Wahrheit.

Vielleicht bauen wir deshalb unseren Selbstwert so oft auf einem Bild von uns auf, statt auf uns selbst.

Das Bild ist einfacher.

Es ist klar.

Es hat Konturen.

Es weiß, wer es sein möchte.

Der Mensch dahinter ist deutlich komplizierter.

Er zweifelt.

Er widerspricht sich.

Er verändert seine Meinung.

Er verliert sich.

Er beginnt noch einmal.

Ein Bild erlaubt sich all das nicht.

Deshalb kostet es so viel Kraft, es aufrechtzuerhalten.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich manche Menschen trotz aller Anerkennung nie wirklich gesehen fühlen.

Gelobt wird das Bild.

Nicht der Mensch.

Und je schöner das Bild wird, desto größer wird manchmal die Angst, jemand könnte dahintersehen.

Vielleicht ist Authentizität deshalb auch gar keine Eigenschaft.

Vielleicht ist sie ein Zustand.

Der selten ist.

Flüchtig.

Ein paar Sekunden nur.

In einem Gespräch, in dem man nichts beweisen muss.

In einem Lachen, das zu laut war.

In einem Gedanken, den man nicht formuliert, weil er klug klingt, sondern weil er wahr ist.

Vielleicht besteht das authentische Ich nicht aus Gewissheiten.

Sondern aus der Bereitschaft, sich immer wieder fremd zu werden.

Nicht alles an sich festzuhalten.

Nicht jede Veränderung als Verrat zu begreifen.

Vielleicht ist Identität kein Ort, an dem wir ankommen, sondern eine Richtung, in die wir uns bewegen.

Es gibt einen merkwürdigen Trost in diesem Gedanken.

Dass wir nie fertig werden.

Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe gar nicht darin, sich selbst zu finden.

Sondern die vielen Stimmen zu unterscheiden, die behaupten zu wissen, wer wir sein sollten.

Und dann auf den seltenen Moment zu warten, in dem nur noch eine übrig bleibt.

Die eigene.

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Ein paar Gedanken über Geschmack, Trends und Selbstbestimmung.