Ein paar Gedanken über Geschmack, Trends und Selbstbestimmung.
Haben wir eigentlich noch Geschmack?
Oder haben wir nur noch Zugang zu allem, was wir mögen könnten?
Ich frage mich das immer häufiger. Nicht, weil Menschen heute schlechtere Entscheidungen treffen. Sondern weil wir in einer Zeit leben, in der kaum noch Raum bleibt, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, bevor sie schon für uns eingeordnet wurde.
Geschmack galt lange als etwas Persönliches. Etwas, das sich langsam zwischen Erfahrungen, Erinnerungen und Zufällen formte. Etwas, das nie ganz fertig war. Pierre Bourdieu schrieb einmal, Geschmack sei keine rein individuelle Angelegenheit, sondern immer auch Ausdruck sozialer Prägung. Vielleicht stimmt das. Vielleicht war Geschmack nie vollkommen frei.
Aber er war langsamer.
Und genau diese Langsamkeit scheint irgendwie verloren gegangen zu sein.
Heute gibt es kaum noch einen Moment, in dem etwas einfach nur auf uns wirken darf. Bevor wir empfinden, wurde bereits eingeordnet. Bevor wir neugierig werden, wurde schon bewertet. Bevor wir sagen können: Ich glaube, das gefällt mir, existiert längst ein Konsens darüber, wie wir es finden sollten.
Vielleicht ist das die eigentliche Macht unserer Zeit.
Nicht, dass sie uns sagt, was wir mögen müssen.
Sondern dass sie uns das Gefühl gibt, wir hätten selbst gewählt.
Wir sprechen ständig über Individualität. Über den Mut, anders zu sein. Über Authentizität. Gleichzeitig beobachten wir Menschen dabei, wie sie dieselben Bilder machen, dieselben Bücher lesen, dieselben Cafés besuchen und dieselben Sätze benutzen, um ihre Einzigartigkeit zu beschreiben.
Das ist gar kein Vorwurf.
Eher eine Beobachtung.
Vielleicht entsteht Konformität heute nicht mehr durch Druck.
Vielleicht entsteht sie durch Überangebot.
Denn wenn einem jeden Tag tausend Möglichkeiten begegnen, greift man irgendwann nach denen, die bereits legitimiert wurden. Nicht unbedingt aus Schwäche. Sondern weil Orientierung beruhigt.
Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt unsere Gegenwart als eine Zeit permanenter Positivität. Alles ist verfügbar. Alles ist sichtbar. Alles lädt zur Teilnahme ein. Nichts scheint verboten. Und gerade deshalb wird Widerstand schwieriger. Denn wogegen rebelliert man eigentlich, wenn einem ohnehin alles erlaubt ist?
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo niemand mehr entscheidet, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.
Vielleicht ist Aufmerksamkeit die eigentliche Währung des Geschmacks.
Denn Geschmack entsteht nicht durch Konsum.
Er entsteht durchs Verweilen.
Durch das Aushalten eines Gedankens. Eines Liedes. Eines Bildes. Eines Satzes. Durch die Bereitschaft, etwas nicht sofort zu verstehen und trotzdem nicht weiterzuwischen.
Das wirkt heute fast ein bisschen altmodisch.
Wir leben in einer Kultur der sofortigen Verständlichkeit. Alles muss unmittelbar funktionieren. Berühren. Erklären. Gefallen. Selbst Irritation wird inzwischen oft so inszeniert, dass sie möglichst anschlussfähig bleibt.
Aber vielleicht beginnt genau dort Kunst.
Nicht dort, wo sie uns bestätigt.
Sondern dort, wo sie uns kurz orientierungslos macht.
Vielleicht gilt das auch für Geschmack.
Denn Geschmack ist keine Checkliste von Referenzen. Er ist auch kein Zeichen kulturellen Kapitals. Er ist vor allem die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten. Nicht sofort zu wissen, was man von etwas hält. Nicht sofort eine Meinung formulieren zu müssen. Sich Zeit zu erlauben.
Wie oft passiert das heute noch?
Wie oft begegnen wir etwas, ohne gleichzeitig zu erfahren, wie andere darüber denken?
Wie oft hören wir ein Album, ohne vorher zu wissen, ob es längst als Meisterwerk gilt?
Wie oft lesen wir ein Buch, ohne vorher unzählige Einordnungen gesehen zu haben?
Wie oft tragen wir etwas, ohne uns zu fragen, ob es gerade wieder relevant ist?
Und vielleicht die unangenehmste Frage überhaupt:
Wie viel von dem, was wir heute Persönlichkeit nennen, wäre geblieben, wenn es uns nie jemand gezeigt hätte?
Welche Musik hätten wir gefunden?
Welche Filme hätten uns verändert?
Welche Kleidung hätten wir getragen?
Welche Künstler hätten wir geliebt?
Welche Gedanken wären tatsächlich unsere geworden?
Ich glaube nicht, dass die Antwort lautet, wir müssten uns von Trends befreien. Das wäre genauso naiv wie die Vorstellung eines völlig autonomen Menschen. Es gibt kein Selbst ohne Kontext. Niemand lebt außerhalb seiner Zeit. Wir alle sind geformt von der Kultur, die uns umgibt.
Aber vielleicht sollten wir wieder lernen, ihr nicht immer sofort zu folgen.
Vielleicht braucht Geschmack genau das.
Eine kleine Verzögerung.
Einen Moment zwischen Reiz und Reaktion.
Zwischen Sehen und Übernehmen.
Zwischen Empfehlung und Entscheidung.
Vielleicht liegt darin heute etwas Radikales.
Nicht weil Langsamkeit irgendwie nostalgisch wäre.
Sondern weil sie uns etwas zurückgibt, das zunehmend verschwindet: die Möglichkeit, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
Vielleicht ist Geschmack am Ende gar nicht die Fähigkeit, das Richtige zu mögen.
Vielleicht ist Geschmack einfach die Geduld, lange genug bei einer Frage zu bleiben, bis die Antwort wirklich die eigene ist.