Ein paar Gedanken über Freiheit, Wut, die Kreativindustrie und KI

Es gibt Sätze, die klingen harmlos, bis man merkt, dass sie eine ganze Epoche beschreiben.

„Die KI macht das jetzt.“

Ein Satz wie ein Achselzucken.

Fast beiläufig.

Fast freundlich.

Und doch steckt in ihm dieselbe Kälte wie in allen großen Rationalisierungen der Geschichte: Es geht schneller. Es kostet weniger. Es reicht doch.

Aber reicht es wirklich?

Vielleicht reden wir viel zu selten über Wut.

Nicht die Wut, die Türen zuschlägt.

Die andere.

Die stille.

Die produktive.

Die Wut, aus der Gedichte entstehen. Filme. Fotografien. Songs. Revolutionen.

Audre Lorde schrieb einmal, Wut könne eine Quelle von Erkenntnis sein. Sie ist kein Makel. Sie ist Energie.

Auch Kunst beginnt oft genau dort, wo etwas nicht akzeptiert werden will.

Jede Kamera war einmal ein Protest.

Jeder Roman eine Behauptung.

Jedes Bild ein Satz gegen die Gleichgültigkeit.

Die Kreativindustrie verkauft uns Kreativität gern als Lifestyle.

Dabei war sie nie bequem.

Es ist faszinierend, dass wir Maschinen beibringen wollen, Kunst zu produzieren, während wir Menschen gleichzeitig beibringen, möglichst effizient zu funktionieren.

Die Maschine soll fühlen.

Der Mensch soll liefern.

Irgendetwas daran wirkt grotesk.

Fast kafkaesk.

Walter Benjamin schrieb über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Heute leben wir im Zeitalter seiner algorithmischen Generierbarkeit.

Damals verschwand die Aura durch die Kopie.

Heute droht sie zwischen Milliarden Wahrscheinlichkeiten zu verschwinden.

Nicht weil KI keine Bilder erzeugen kann.

Sondern weil sie keine Sehnsucht kennt.

Keine Scham.

Keine Erinnerung daran, wie sich das erste gebrochene Herz angefühlt hat.

Sie kennt nur Muster.

Wir nennen das Intelligenz.

Vielleicht ist es vor allem Statistik.

Die Kreativindustrie liebt das Wort Innovation.

Fast so sehr wie sie unbezahlte Überstunden liebt.

Sie feiert Disruption, solange niemand die Besitzverhältnisse stört.

Sie fordert Leidenschaft, solange Leidenschaft günstiger ist als ein ordentliches Honorar.

Künstlerinnen und Künstler sollen authentisch sein.

Aber bitte markenkonform.

Originell.

Aber algorithmustauglich.

Persönlich.

Aber nicht zu unbequem.

Manchmal frage ich mich, ob die eigentliche künstliche Intelligenz nicht längst die Kreativbranche selbst geworden ist.

Sie erkennt Trends schneller als Gefühle.

Natürlich kann KI schreiben.

Sie kann komponieren.

Fotografieren simulieren.

Filme schneiden und erstellen.

Illustrationen erzeugen.

Sie kann sogar Fehler imitieren.

Aber Fehler sind nicht dasselbe wie Verletzlichkeit.

Und Perfektion ist nicht dasselbe wie Wahrheit.

Ein perfekt generiertes Bild erzählt mir nicht, warum jemand nachts drei Stunden wachlag.

Ein Gedicht entsteht nicht nur aus Sprache.

Es entsteht aus Verlust.

Aus Scham.

Aus Begehren.

Aus einer Kindheit, die nie ganz verschwindet.

Kein Datensatz der Welt erinnert sich an den Geruch eines leeren Elternhauses.

Vielleicht besteht Freiheit genau darin, Dinge zu tun, die sich ökonomisch überhaupt nicht rechnen.

Ein Gedicht schreiben.

Einen Film drehen, den nur drei Menschen sehen.

Stundenlang fotografieren, obwohl am Ende nur ein einziges Bild bleibt.

Jemanden lieben, obwohl es irrational ist.

Freiheit war noch nie effizient.

Deshalb lässt sie sich so schlecht automatisieren.

Mich irritiert weniger die KI.

Mich irritiert unsere Begeisterung dafür, Menschen ständig mit Maschinen zu vergleichen.

"Diese KI malt wie ein Mensch."

"Diese KI schreibt wie ein Mensch."

Warum eigentlich nicht umgekehrt?

Wann sagen wir endlich:

Dieser Mensch fühlt noch wie ein Mensch.

Das scheint inzwischen die größere Besonderheit zu sein.

Vielleicht ist genau das der Preis unserer Zeit.

Wir optimieren alles.

Unsere Körper.

Unsere Aufmerksamkeit.

Unsere Beziehungen.

Unsere Karrieren.

Und irgendwann optimieren wir uns ausgerechnet aus dem heraus, was uns überhaupt erst menschlich macht.

Byung-Chul Han beschreibt unsere Gegenwart als Leistungsgesellschaft, die ihre Gewalt nicht mehr von außen ausübt.

Wir erschöpfen uns freiwillig.

Heute würde man ergänzen:

Wir automatisieren uns freiwillig.

Die eigentliche Gefahr der künstlichen Intelligenz ist deshalb vielleicht gar nicht die Maschine.

Sondern unsere Fantasie.

Dass wir anfangen zu glauben, Geschwindigkeit sei ein Wert.

Produktivität ein Charakter.

Effizienz eine Moral.

Dabei war Kunst nie dazu da, effizient zu sein.

Sie war immer Verschwendung.

Zeitverschwendung.

Gedankenverschwendung.

Gefühlsverschwendung.

Zum Glück.

Vielleicht irre ich mich. Vielleicht romantisiere ich Kunst sogar ein wenig.

Aber genau diese Möglichkeit des Irrtums gehört für mich zum Menschsein.

Und vielleicht braucht diese Zeit deshalb wieder etwas mehr Wut.

Nicht die Wut, die zerstört.

Die Wut, die sich weigert, alles zur Ware werden zu lassen.

Die Wut, die sagt:

Nein.

Nicht alles muss Content sein.

Nicht jede Idee braucht eine Conversion Rate.

Nicht jede Geschichte muss viral gehen.

Nicht jede Kreativität muss skalieren.

Manche Dinge dürfen einfach nur wahr sein.

Vielleicht wird künstliche Intelligenz immer besser.

Vielleicht schreibt sie irgendwann schönere Sätze als wir.

Vielleicht komponiert sie berührendere Melodien.

Vielleicht malt sie Bilder, die Millionen Menschen bewegen.

Aber sie wird nie wissen, warum ein Mensch überhaupt anfängt zu schreiben.

Warum jemand nachts um zwei Uhr plötzlich einen Satz notiert.

Warum aus Liebeskummer Kunst wird.

Oder aus Angst Freiheit.

Denn genau dort beginnt etwas, das sich nicht berechnen lässt.

Und vielleicht sollten wir aufhören, Intelligenz mit Menschlichkeit zu verwechseln.

Das wäre für den Anfang schon radikal genug.

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The Measurement of Emotion